Tröstet euch nicht mit dem Unrecht dieser Zeit. Um Mensch zu sein reicht es nicht bloß mit diesem unmenschlichen und unmoralischen Unrecht nicht einverstanden zu sein.

Boris Pasternak

Dieses Zitat von Boris Pasternak begegnete und auf einer kleinen Postkarte im Haus der Menschenrechte in Voronezh. Diese Reise hat uns einmalmehr verdeutlicht, wie wichtig Menschenrechtsarbeit und das Engagement in unseren Law Clinics ist.

Das Seminar: Der Unterschied zwischen Recht und Politik?

Tag 1: Vorträge und Diskussion

Wir starteten mit einem ausgiebigen Frühstück und einem langen Gespräch mit Arkady Gutnikov (Rechtsinstitut St. Petersburg), der uns einen Überblick über das Menschenrechtsengagement sowie die Probleme des formalistischen juristischen Studiums in Russland gab, in das Projekt.
Am ersten Seminartag an der staatlichen Universität Voronezh erwarteten uns rund 30 Studierende von verschiedenen Rechtsfakultäten der Stadt. Wir (Natalia, Tessa und Fatos) hielten Vorträge zu ausgewählten Themen des deutschen Asylrechts: Asylverfahren, Schutzstatus und ANKER-Zentren. Ausgiebig besprachen wir die rechtliche Schutzbedürftigkeit während der ersten Anhörung. Auch der Zustand und der Zugang zu Recht in den ANKER-Zentren wurden diskutiert und mitEinrichtungen in Russland verglichen.

Im Anschluss standen wird Rede und Antwort rund um die Organisation und die Beweggründe für unser Engagement in den Legal Clinics. Hier wurden uns ganz praktische Fragen gestellt wie zum Beispiel die Verwaltung und Finanzierung unserer Vereine. Dass unsere drei Vereins-RLCs von Studierenden gegründet,aufgebaut und geleitet wurden, stieß auf besonders große Überraschung bei denTeilnehmenden, deren Legal Clinics stets an die Universität angebunden und imSchwerpunkt durch Dozierende angeleitet wird.

Natalia, Tessa und Fatos

Zudem wurden wir herzlich von der Leiterin der dortigen Legal Clinic, Professorin Olga Rogacheva, empfangen und als „Ehrengäste“ zunächst auf die Dachterrasse der Universität und später für einen Austausch in ihr Büro eingeladen. BeiKaffee und Kuchen diskutierten wir die Qualität von Rechtsberatung und rechtlichem Beistand in unseren Rechtsordnungen und den jeweiligen Umgang damit im Rahmen der Legal Clinics.

Tag 2: Beratungssimulationen

Am zweiten Tag konnten wir die Räumlichkeiten der Legal Clinics in der Stadt besichtigen. Im Seminar führten wir dann Beratungssimulationen durch. Wir lösten kleine Fallbeispiele nach russischem Recht und nach deutschem Recht und verglichen dann die Ergebnisse. Hier wurde uns besonders deutlich wie wichtig es ist, dass rechtliche Analysen klar von politischen Beweggründen abgegrenzt werden müssen.

Das Haus der Menschenrechte: Menschenrechtsarbeit in Voronezh

Auf Einladung von Voronezh‘er Menschenrechtsaktivisten hin besuchten wir das Haus der Menschenrechte, dessen Name von den in ihm beherbergten Menschenrechtsorganisationen herrührt. Es dient der Vernetzung dieser Organisationen, die verschiedenste menschenrechtliche Schwerpunkte haben. Beim Austausch mit Vertreter*innen derOrganisationen diskutierten wir Fragestellungen wie:

Was ist Demokratie? Kann Demokratie auch schädlich sein für Stabilität? Wie gehen wir mit dem Rechtsruck in Deutschland in ganz Europa um? Wie konnte es zu diesen politischen Entwicklungen kommen? Unter welchen Bedingungen findet Menschrechtsarbeit in unseren Ländern statt? Was sind die Ziele vonMenschenrechtsarbeit in Russland? Vor welchen institutionellenHerausforderungen steht die Menschenrechtsarbeit in Russland? Wie gefährlich ist die Arbeit für einzelne Akteur*innen?

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Menschenrechtsarbeit in Russland mit der in Deutschland nicht zu vergleichen ist. Anders als hier hat der Begriff „Menschenrechte“ inRussland eine eher negative Konnotation; er wird nicht leichtfertig in den Mundgenommen. Ein Hauptproblem der Mobilisierung von jungen Leuten ist der beschränkte Zugang zu Universitäten, weswegen gerade NGO’s in Russland immer mehr auf Hilfe und auch auf Zusammenarbeit mit dem Ausland angewiesen sind.Eines einte uns aber: Die Überzeugung, dass Menschenrechtsarbeit wichtig und notwendig ist, insbesondere zum Schutz von Minderheiten; sei es nun in Russlandoder in Deutschland.

Voronezh: Die Stadt am gleichnamigen Fluss

Bei einem Auslandsaustausch darf natürlich auch das Kulturelle und Kulinarische nicht zu kurz kommen,weshalb wir uns besonders freuten, als uns zwei Teilnehmer*innen des Seminars anboten, uns durch Voronezh zu führen. Wir besichtigten die beeindruckendenKirchen und Weltkriegsmonumente und ließen uns vom ehemaligen Kulturzentrum des südwestlichen Russlands inspirieren. Mit Borscht-Suppe und die typischen Blinis genossen wir auch die kulinarischen Spezialitäten der Region.