Im Dezember mal eben nach Mexiko fliegen, um dort die deutschen RLCs zu vertreten? Lohnt sich das eigentlich?

Das hatten wir uns im Vorstandskreis auch gefragt, uns letztlich aber doch dafür entschieden, auf der alle zwei Jahre stattfindenden Konferenz der Global Alliance for Justice Education (GAJE) vertreten zu sein.

Diese ereignete sich in diesem Jahr in den mexikanischen Städten Puebla (Hauptkonferenz) bzw. Tlaxcala (Training of Trainers) und stand unter dem Motto Breaking Down Walls: The Transformative Power of Justice Education.

Um das Fazit vorwegzunehmen: die Reise nach Mexiko hat sich allemal gelohnt. Ein ausgewogenes Programm bot diverse Einblicke u.a. in klinische Unterrichtsmethoden wie auch die unterschiedlichen Organisationsmodelle von Law Clinics weltweit. Die Teilnehmer*innen stammten aus allen Erdteilen, wobei insbesondere die amerikanischen Clinicians stark vertreten waren. Neben unserem Beirat Ulrich Stege war ich der einzige deutsche Vertreter (wobei Uli genau genommen seine Turiner Law Clinic repräsentierte und zudem die Programmgestaltung der Konferenz verantwortete).

Eindrücke aus Mexiko

Es wird schwer fallen, alle Eindrücke aus sieben Tagen in einen Blogpost zu packen, daher folgt hier eine kleine Auswahl der Impulse, die ich mit nach Hause bringen durfte:

  • Filip Czernicki bei seinem Vortrag.

    Sehr eindrücklich etwa war die Präsentation von Filip Czernicki, der die Polish Legal Clinics Foundation leitet. Wie einige von uns sicherlich bereits wissen, startete das clinical movement in Polen bereits 1997. Filip und seine Kolleg*innen haben tatkräftig dabei mitgeholfen, 25 Legal Clinics in ganz Polen zu etablieren. Dabei handelt es sich grundsätzlich um von den jeweiligen Fakultäten finanzierte Uni-LCs. Sein Vortrag bot zahlreiche lessons learned für uns als jungen Verband im Hinblick auf Finanzmittelakquise, stakeholder management, die richtige Form und die richtigen Adressaten der Interessenvertretung, Arbeitsweisen eines nationalen Verbandes etc.

  • Die Kolleg*innen von der Open University.

    Eine weitere Reihe an talks befasste sich mit den Möglichkeiten, die eine Digitalisierung der Arbeitsweisen von Legal Clinics mit sich bringen kann. Kolleg*innen der Law Clinic an der Open University (eine Fernuniversität) im Vereinigten Königreich bspw. berichteten von ihren klinischen Unterrichtsmethoden und den Herausforderungen, diese im distance learning anzuwenden. Aus den Diskussionen konnte ich einige Ideen und Anregungen auch für die deutschen RLCs mitnehmen – im Vorstandskreis werden wir ab Anfang 2018 darüber nachdenken, was davon sich wie umsetzen werden lässt.

  • Eine Session befasste sich mit einer engeren internationalen bzw. grenzüberschreitenden Vernetzung speziell von migration law clinics. Zwei Kolleg*innen aus Texas berichteten hier von ihren Erfahrungen der Zusammenarbeit mit mexikanischen und anderen lateinamerikanischen Einrichtungen. Auch eine Kollegin der ersten Law Clinic Schwedens (Rättspraktik, Uni Göteborg), die sich u.a. mit dem Migrationsrecht befasst, kam im Laufe der Konferenz auf uns zu und zeigte großes Interesse an einer migrationsspezifischen Zusammenarbeit. Über eine stärkere europaweite Vernetzung der RLCs wird beizeiten nachzudenken sein.

Die Bahnstrecke der „bestia“, daneben die Kirchgemeinde mit „migrant shelter“.

  • Auf ganz andere Weise sehr eindrucksvoll war der Besuch in einem migrant shelter, das direkt an der Strecke des gleichermaßen gefürchteten wie berüchtigten Güterzuges la bestia liegt. Diesen nutzen Migrant*innen und Schutzsuchende aus Südmexiko bzw. anderen lateinamerikanischen Ländern, um an die US-amerikanische Grenze zu gelangen. Die Fahrt ist halsbrecherisch und endet für nicht wenige Menschen tödlich. Den Freiwilligen im shelter ist es zu verdanken, dass die Migrant*innen auf ihrer Reise zwischendurch Rast machen und neue Kraft für die Weiterreise schöpfen können. (Weitere Informationen zum shelter finden sich unter Un Mundo Una Nación).

Das amerikanisch-deutsche Vortragsteam.

  • Auch mein eigener Vortrag, den ich gemeinsam mit Kolleg*innen aus Berkeley, der Duke University sowie der UC Irvine zum Thema From Idealist to Activist: Paving the Way for Future Social Justice Lawyers Through Experiential Learning hielt, war eine schöne Erfahrung und erzeugte ein positives Echo. Ich hatte die Gelegenheit, die deutsche RLC-Bewegung vorzustellen und hierbei auch über unsere Beweggründe und Anliegen zu reflektieren. Von vielen „alten Hasen“ des clinical movement kam Lob und Anerkennung ob dessen, was wir in den letzten Jahren gemeinsam erreicht haben – dieses gilt jeder und jedem von Euch da draußen!
  • Zum Abschluss der Woche in Mexiko durfte ich noch am Training of Trainers in Tlaxcala teilnehmen und hier von vielen erfahrenen Clinicians Eindrücke zu Lehrmethoden und Zielsetzungen ihrer Law Clinics mitnehmen.

Zusammen mit Uli Stege.

Darüber hinaus bot die Konferenz natürlich Gelegenheit zum intensiven Austausch mit den anderen Teilnehmer*innen, auch mit unserem Beirat Uli Stege konnte ich einige Zielsetzungen des Verbandes für das kommende Jahr diskutieren.

Das transformative Potenzial der social justice education

Was ich unterm Strich vor allem aus Mexiko mitnahm, ist ein gestärktes Bewusstsein dafür, was social justice education gerade auch in unserem deutschen Kontext bedeuten kann. Das transformative Element der clinical legal education, nicht nur was die Methode betrifft, sondern eben gerade auch die Ausrichtung der juristischen Ausbildung, ist für mich noch greifbarer geworden.

Diese war gegen Ende des 19. Jahrhunderts ja bekanntlich insbesondere dafür konzipiert worden, um Richter*innen auf ihre Tätigkeit vorzubereiten; heute steht sie oftmals stark unter dem Eindruck der gefühlt omnipräsenten recruiting-Aktivitäten großer Kanzleien.

Unser Engagement jedoch zeigt eine Alternative auf. Viele von uns engagieren sich in RLCs aus einem Gerechtigkeitsempfinden heraus. Wir wollen dort als Jurist*innen Verantwortung übernehmen, wo wir Defizite im Funktionieren des Rechtsstaats erkennen. Schon zu Studienzeiten verstehen viele RLCler*innen ihre Ausbildung als mehr als ein Vehikel für das eigene Fortkommen – als empowerment, sich dort in der Gesellschaft einzumischen, wo Gerechtigkeitsdefizite herrschen.

Als RLCs verankern wir diese Herangehensweise zunehmend im Jura-Studium, kreieren neue Tätigkeitsfelder und zukünftig potenziell neue berufliche Chancen für social justice lawyers. Ein Blick in die USA, wo die Clinicians augenblicklich und gerade seit Beginn der Trump-Präsidentschaft zu den lautstärksten und kraftvollsten Verfechtern des Rechtsstaats zählen, zeigt, welche Potenziale sich in unserem Engagement verbergen.

Danke!

Insofern Gracias México und darüber hinaus Dank an die Organisator*innen der Konferenz für den Erlass der Teilnahmegebühren wie auch an die Robert Bosch Stiftung, dass sie einer entsprechenden Verwendung unserer Fördermittel für die Reisekosten zugestimmt hat!

Die Teilnehmer*innen des „Training of Trainers“ in Tlaxcala.